19.05.2011

Das Wort zum Freitag

Religiöse Gefühle

Wieder einmal hat mir unser göttliches Monster aus der Patsche geholfen.
Während ich noch saß und grübelte, welchem Thema ich heute das Wort zum Freitag widmen sollte, machte es pling und eine neue Mail landete im Postfach. Als ich die gelesen hatte war klar, heute geht’s um Gefühle. Die wurden auch bei meinem Vortrag an der HU thematisiert. Allerdings hochspezialisiert als religiöse Gefühle. Ob wir die denn nicht mit unserer satirisch-kritischen Religion verletzen würden? 

Dahinter stand der Gedanke, der auch euch schon begegnet sein wird, dass religiöse Gefühle etwas besonders Schützenswertes sind und deshalb nicht verletzt werden dürfen. Ist das wirklich so? Sind religiöse Gefühle höher zu bewerten als alle anderen Gefühle auch? Wenn ja, muss man dann nicht alle weltanschaulichen Gefühle unter Schutz stellen? Schließlich sind  Religions- und Weltanschauungsgemeinschaften gleichgesetzt in ihren Rechten.

Was wäre die Folge, wenn wir das tun würden?  Würde dann nicht die Gruppe, die am empfindlichsten ist, die bei jeder Kritik, ja bei jedem Ansatz von Kritik am lautesten schreit, die Grenzen setzen für das, was gesellschaftlich erlaubt ist? Grenzen, die immer mehr einengen und letztlich jede freie Entwicklung verhindern würden?

Nein, Gefühle kann man nicht unter Schutz stellen, weder religiöse noch andere. Es ist nicht sinnvoll, religiöse Gefühle als Extragruppe zu betrachten.

Klar passiert es, dass wir mit unseren Riten und Praktiken, mit unserem Auftreten und mit unseren Diskussionen Gefühle verletzen. Die Schwere der Verletzung hängt dabei ganz wesentlich davon ab, wie sehr sich andere mit ihren Anschauungen oder ihrem Glauben identifizieren.  Wenn Glaube oder Anschauung gar zum wesentlichen Lebensinhalt wird, wird diese Verletzung der Gefühle schnell als ganz persönlicher Angriff  wahrgenommen.

Wir möchten niemand verletzen. Wir möchten aber auch nicht darauf verzichten, das, was wir für richtig halten, zu sagen und das, was wir für falsch halten, zu kritisieren. Kritik und offene Diskussion, bei der keine Frage verboten werden darf, ist ein ganz wichtiger, vielleicht der wichtigste Grundpfeiler jeder Demokratie. Deshalb ist das Interesse daran höher zu werten als das des Schutzes von Gefühlen. Da kann nur der Einzelne etwas ändern, nämlich seine Empfindlichkeitsschwelle senken, versuchen, Kritik, Diskussion und auch Satire nicht als Angriff zu sehen, sondern als Möglichkeit, Schwachpunkte zu erkennen und so für sich selbst zu nutzen. Das wird nicht immer gelingen, auch uns doch wirklich hart gesottenen Piraten nicht. Hat man es  erst einmal mit dem Verstand erfasst, wird es aber leichter.
So ungefähr habe ich es in der Diskussion mit den Studierenden der Theologischen Fakultät der HU erklärt.

Am Ende des Vortrages hatte ich die Dozentinnen gebeten, mir ein paar Tipps zu geben, was ich in Zukunft bei solchen Vorträgen besser machen könnte. Sie haben mir versprochen, nach der Auswertung mit der Gruppe ein Feedback zu geben. Das kam jetzt mit der erwähnten Mail:

Ihre Präsentation ist bei unseren Studierenden sehr gut angekommen und sie konnten Ihnen gut folgen. Die Diskussion und die Zeit mit Ihnen empfanden die Studierenden sehr bereichernd.

Heute hatten wir eine erste Zusammenführung nach den ersten 3. Begegnungen und haben die Studierenden gefragt, ob Sie Rückmeldungen für Sie haben.

Die Diskussion hat folgendes ergeben:

* erst einmal sollen wir Ihnen ein ganz großes Dankeschön ausrichten.
Die Studierenden sind sich bewusst,  dass es sehr viel Mut erfordert vor einer Gruppe zu stehen, vor allem in einer Fakultät mit einer anderen Glaubensüberzeugung. Einige Studierende haben gesagt, dass Ihnen die Begegnung mit Ihnen geholfen hat, Hemmungen und Vorurteile zu überwinden.

* Die Studierenden fanden Sie sehr verständlich. Die Medien, die Sie verwendet haben, sind gut angekommen und wurden von den Studierenden als sinnvoll wahrgenommen.

Die Studierenden haben es als positiv empfunden, dass Sie offen für kritische Nachfragen waren und Sie mit Ihnen diskutieren konnten

Klar, da habe ich mich gleich ein bisschen wohl gefühlt. Etwas fehlte mir die Kritik, die es selbst beim besten Vortrag immer gibt, und der beste war meiner sicher nicht. Das schöne Gefühl war trotzdem da. Auch die Überlegung, ob denn der Vortrag nicht nur bei den Zuhörern, sondern auch bei mir etwas bewirkt hat. Hat der auch bei mir dazu geführt, Hemmungen und Vorurteile abzubauen? Hemmungen hatte ich keine, Vorurteile waren mir zumindest nicht bewusst. 

Trotzdem hatte der Vortrag auch bei mir Wirkung. Es war das erste Mal, dass ich solche Diskussionen mit dem „anderen Lager“ geführt habe. Es gab Reaktionen mit denen ich nicht gerechnet hatte, bis zu teilweisem Verständnis. Ich habe an mir selbst gemerkt, dass ich nicht so scharf formuliert habe wie in anonymer Diskussion im Netz. Denn dort saßen Leute, von denen mir der eine oder die andere durchaus sympathisch waren, welche, mit denen ich abseits von der Weltanschauung wohl gut klar gekommen wäre. Das waren keine Gegner, dass waren Menschen, die einfach in einer Sache anders dachten als ich. Menschen, deren Gefühle ich nicht unbedingt verletzen möchte. Wie jedoch soll das gehen, ohne auf die weltanschauliche Auseinandersetzung zu verzichten?  Es wird sich nicht vermeiden lassen. Manchmal sogar notwendig sein. Bei den Fundamentalisten nämlich, die anders nicht zu erreichen sind.

Bei denen aber, die mit uns reden möchten oder die mit uns reden, wenn wir das möchten, gilt etwas anderes. Dort müssen wir versuchen, bei aller Klarheit in der Sache und ohne inhaltliche Kompromisse doch eine Sprache zu finden, die möglichst wenig verletzt. Es müsste  viel mehr solche gemeinsamen Diskussionsrunden geben.

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