04.10.2011

Christliche Hexenjagd 2011 in Deutschland


Das mitteleuropäische Christentum gilt als aufgeklärt. Manche sind sogar der Meinung, es hätte die Aufklärung selbst betrieben und unsere heutige Gesellschaft wäre somit auf den Werten des Christentums aufgebaut. Dabei verkennen sie völlig, dass all diese Werte, die uns heute so wichtig sind, von der Demokratie bis zur Gleichberechtigung der Geschlechter, von der Selbstbestimmung der Person bis hin zum Recht sich zu lieben, egal welchen Glaubens oder welchen Geschlechts man ist, immer unter Opfern gegen den erklärten Willen der Kirchen erkämpft werden mussten. Erst als sich diese Werte durchgesetzt hatten, haben die Kirchen in der bei ihnen üblichen Geschichtsfälschung diese Werte als ihre eigenen reklamiert um sich so das Verdienst von Humanismus und Aufklärung anzueignen. ♠

Wie wenig an der Behauptung, das mitteleuropäische Christentum würde sich dem Fortschritt der Gesellschaft widmen, wirklich ist, kann jeder noch heute beobachten. Bei den Debatten um PID z.B. oder beim sonntäglichen Öffnungsverbot für Geschäfte. Von einem besonders krassen Fall bei dem ein evangelischer Pfarrer andere dazu anstiftet, eine "Hexe" zu diskriminieren, habe ich jetzt erfahren. Wenn dieser Fall nicht so endet, wie früher in Europa und noch heute in Afrika, liegt das sicher nicht am aufgeklärten mitteleuropäischen Christentum, sondern am Rechtsstaat, der das zumindest teilweise in seine Schranken verweist.

Christina Friedrich, studierte Historikerin, sieht sich selbst in erster Linie als Wissenschaftlerin. Weil sie sich nach dem Studium irgendwie versorgen musste und weil das auch ihrem Interesse entsprach, gründete sie in Wernigerode ein Hexenmuseum. Wo könnte das besser hin passen, als in den Harz in Nähe zum Hexentanzplatz. Ihre Idee fand öffentlichen Anklang und von der nächsten, als Hexe Stadtführungen zu veranstalten, waren auch alle begeistert. Fast alle. Hier ihr Bericht:
Hexenverfolgung leider noch heute aktuell: bei meiner Stadtführung bin ich manchmal als Hexe verkleidet, das unterhält und begeistert meine Gäste und das Fabelwesen Hexe gehört ja auch überall im Harz mittlerweile fest zum Stadtbild, sei es als Tourinippes oder in der Sagenwelt. Heute bin ich (leider nicht zum ersten Mal) auf ein Phänomen gestoßen, das ich bislang, bis auf einige Entwicklungsländer wie den Kongo, für ausgestorben hielt: Aberglaube und Hexenverfolgung. Es gibt in Quedlinburg ein Museum auf einer alten Klosterruine ( den Münzberg) mit den Resten einer Kirche (der St. Marienkirche), welche KEINE geweihte Kirche mehr ist und im 16. Jh. sogar von Huren und anderem fahrenden Volk mit Erlaubnis der Kirche besiedelt war. Dort werden heutzutage echte Gebeine des ehemaligen Kirchfriedhofes öffentlich zur Schau gestellt und für den Tourismus genutzt. Seit einiger Zeit besuche ich mit meinen Gästen dieses Museum, denn ich hielt es für sehenswert und der Leiter dort war auch immer recht freundlich zu mir - bis heute. Heute hat mich der Museumsbetreiber, der bisher mit mir als verkleideter Hexen-Stadtführerin sonst nie ein Problem hatte, aus dem Museum geschmissen mit den Worten, ich würde als Hexe die Kirche entweihen und er hätte das Hausrecht und ich solle verschwinden. Noch dazu hat er dies vor meinen 25 Gästen getan mit dem Hinweis, diese seien selbst schuld, wenn sie sich eine solche Stadtführung aussuchen. Hintergrund war wohl ein Anruf von einem evangelischen Pfarrer aus Quedlinburg, der ihn darüber informiert hat, ich würde okkulte Handlungen in Wernigerode vornehmen. Na Danke, ich bin evangelisch getauft, gehe jedes Jahr zu Weihnachten brav in die Kirche, manchmal sogar Sonntags und kann mich nicht erinnern, kürzlich auf nem Besen zum Brocken geflogen zu sein, um mich dort mit dem Teufel zu paaren. Ich kenne diesen Pfarrer nicht und bisher hat mich auch niemand aus der Kirche auf Ähnliches angesprochen, sonst hätte ich deutlich gemacht, dass ich keine echte Hexe bin und auch kein Wetter zaubern kann. Ich tanze auch nicht nackt ums Feuer, und bisher habe ich fest an das Gute (im Menschen) geglaubt, so langsam geht mir dieser Glaube jedoch verloren. Ähnliches ist mir schon Wernigerode passiert, wo aus dem Stadtrat heraus ein internes Memo an alle Kitas und sonstigen Institutionen gesendet wurde, in dem man davon abriet, das von mir gegründete Hexenmuseum zu besuchen. Anträge von mir zur Unterstützung des Museums werden in schöner Regelmäßigkeit aus fadenscheinigen Gründen abgelehnt und wenn ein Tourist in der Stadt nach dem Museum fragt, gibt es dort die Antwort, dass es so etwas nicht gibt. Leute, ich bin studierte Wissenschaftlerin (Historikern) und alleinerziehende Mutter. Ich versuche zu arbeiten und zu leben, wie jeder andere auch. In den Museen, die es schon gibt ist kein Geld für Fachkräfte vorhanden und eine Einstellung daher nicht möglich (ich hab es versucht, weiß Gott). Nun versuche ich hier im Harz halbswegs über die Runden zu kommen und etwas Neues zu bewegen und auf die Beine zu stellen. Der Bedarf und die Nachfrage sind da. Wie kann es sein, dass wir heute noch einzelne Frauen der Hexerei bezichtigen, nur weil sie aus der Not heraus etwas Unorthodoxes, Neues und Eigenes machen? Manchmal denke ich, einige von uns leben geistig noch im finsteren Mittelalter.

Kommentare:

  1. ein klein wenig überrascht die Geschichte (mich). An Hexen werden zwar noch viele Glauben (denkt nur an den Aufstand wegen Harry Potter oder die Studie neulich zu Schutzengeln). Könnt Ihr bei vielen Christen bestätigen lassen. Zwar lachen diese irgendwie über das Grauen anno dazumal und die meisten hätten keine Probleme mit als Hexe verkleideten, aber dran glauben tun Sie/einige oder sogar viele eben doch noch. right?

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  2. Tja, scheint so. Aber mich verwundert das eigentlich nicht, wer dem einen Aberglauben anhängt ist halt auch anfälliger für den anderen.

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  3. Stefanie Strunk10/09/2011 10:46 vorm.

    Das ist aber eine sehr strange Geschichte. Eventuell sollte man eine Stellungnahme sowohl von Seiten des Pfarrers als auch von Seiten des Kurators einfordern.

    Gibt's eventuell einen Hintergrund, der auf einer Meinungsverschiedenheit
    bezüglich der historischen Rezeption beruht? Historiker sind ja schonmal zickig. *g*

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  4. Mit den Historikern scheinst du richtig zu liegen. ;)

    Es sieht so aus, als ob ein anderer Stadtführer, neidisch ob der erfolgreichen Hexenführungen, intensiv zu mobben angefangen hat. Als Mitglied der evangelischen Gemeinde hat er dort besonderen Rückhalt und einen scharfen und unfähigen Pfarrer gefunden. Der hat das gern aufgegriffen und ist nicht vor dem Versuch zurückgeschreckt, seinen Beitrag zur Zerstörung der beruflichen Existenz einer Alleinerziehenden zu bringen.

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  5. Stefanie Strunk10/11/2011 9:29 nachm.

    Das hört sich doch schon nachvollziehbarer an, wenn die Sachlage dadurch auch nicht besser wird.

    Eine Zugezogene "wildert" erfolgreich im Revier der Platzhirsche und bekommt nun die Konsequenzen zu spüren.

    Es ist zwar schade, dass sich der evangelische Pfarrer in diesen Konkurrenzkampf einspannen lässt. Meiner Meinung nach handelt es sich hier jedoch eher eine Kombination aus fehlender Charakterstärke und Vetternwirtschaft, und nur ganz am Rande um einen religiös motivierten Konflikt.

    Vielleicht wäre es sinnvoll, sich an die Vorgesetzten dieses Pfarrers zu wenden, denn ich will einfach nicht hoffen, dass die komplette EKD an okkulte Rituale und Hexen glaubt.

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  7. Ich wäre mir da nicht so sicher.

    Luther war nicht nur Bauernfeind und Judenhetzer, er hatte auch ganz massiv was gegen Hexen. Tatsächlich war dann später die Hexenverfolgung in reformierten Gebieten nicht weniger heftig als in katholischen. Vielleicht sogar noch heftiger.

    Die Katholen bilden sogar wieder verschärft Exorzisten aus, es ist also auch heute noch nicht so sehr viel mehr Vernunft eingekehrt.

    Ansonsten sieht es eher so aus, als hätte sich die Kirche hier, wie so oft in letzter Zeit, mal wieder ein Eigentor geschossen. Andere Stadtführer haben sich mit der "Hexe" solidarisiert und so steht es nicht mehr ganz so schlimm um deren Broterwerb.

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  8. Ich frage mich, wie hier die andere Seite der Medaille ausgesehen haben mag, ob es wirklich an dem Bild "Hexe" lag oder ob da nicht mehr dahinter steckte.
    Ich stimme zwar zu, dass die Menschheit nicht gerade kompatibel zur Vorstellung von realer Magie ist und Menschen, die sich als Hexen bezeichnen/ausgeben gemeinhin gern argwöhnisch begutachtet bis belächelt werden, aber für gewöhnlich muss man schon sehr viel an eigenem Verhalten dazu beitragen, um so eine Reaktion hervorzurufen.
    Ich bin Wicca, andere bezeichnen mich durch meinen Glauben zu recht als "Hexe". Seltsamerweise findet in meinem (beruflichen wie privaten) Umfeld keiner daran Anstoß, vermutlich weil ich es zwar nicht verberge, aber trotzdem gesittet genug im Umgang mit meinem *Glauben* bin (Glauben ist meiner Meinung nach etwas, das durchaus Respekt und eine gewisse Ernsthaftigkeit verdient), dass ich es auch nicht jedem auf die Nase binde und mich gar nicht erst als Hexe profiliere oder über die Maßen hinaus als solche darstelle.
    Ich hatte in den letzten Jahren schon einige Gespräche sowohl mit katholischen als auch evangelischen Kirchenvertretern/-innen, dort bin ich sogar auf ehrliche Nachfragen und vorsichtiges Interesse gestoßen, daher kann ich nicht nachvollziehen, dass es wirklich am Hexentum gelegen hat.

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  9. Die Hintergründe hatte ich oben schon beschrieben. Es war die Eifersucht eines Stadtführers auf eine mit ihrer Hexentour erfolgreiche Stadtführerin.

    Ich kann verstehen, wenn du als Wicca solche "Kunsthexen" hinterfragst. Warum du aber der Meinung bist, dass "Glauben" per se Respekt verdient, ist mir schleierhaft. Glauben ist eine Weltanschauung wie andere auch. Ob die Respekt verdienen, richtet sich jeweils nach dem Inhalt. Das ist beim Glauben nicht anders.

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