24.11.2011

Das Wort zum Freitag


Templin, seine Kirchen, seine "Templiner Zeitung" und sein linker Bürgermeister Detlef Tabbert

Angefangen hat es 2009. Da fiel mir in der "Templiner Zeitung" die Rubrik "Gedanken zur Zeit" auf. Dort brachten regelmäßig zum Wochenende und zu kirchlichen Feiertagen Kirchenvertreter die ihren zu Papier. Nicht nur Pfarrer, auch Kirchenmusiker, Katecheten, Praktikanten, nicht nur aus Templin, nicht nur aus dem Landkreis, sondern auch darüber hinaus. Die haben zu wenig Personal, dachte ich mir, und wollte als hilfsbereiter Mensch aushelfen. Mein Angebot an die Zeitung, auch mal meine Gedanken darzulegen, wurde aber abgelehnt. Auf Anfrage erfuhr ich 
 "...Diese Rubrik ist tatsächlich nach Gesprächen mit den Vertretern der Kirchen in der Uckermark vor Jahren eingerichtet worden. In beiden Lokalausgaben des Uckermark Kurier (Templiner und Prenzlauer Zeitung) erscheint sie wöchentlich samstags sowie vor hohen kirchlichen Feiertagen. Sie beschäftigt sich mit Themen, die die Kirchen selbst wählen. Und nein, eine Verpflichtung des Verlages gibt es nicht, die Rubrik beruht ausschließlich auf einem Entgegenkommen der Redaktionen, da ein großer Teil der Leser des Uckermark Kurier gläubige Menschen sind...."
Auf meine Frage
"..Da mit Sicherheit der weitaus größere Teil ihrer Leserschaft aus Nichtgläubigen besteht, wären Sie auch bereit säkularen Organisationen die Möglichkeit einzuräumen, in Ihrer Zeitung eine eigene Rubrik zu unterhalten? Wäre die dann, wie vermutlich für die Kirchen auch, für die säkularen Organisationen kostenfrei?..
kam die Antwort
".... Wie Sie darauf kommen, dass der weitaus größere Teil unserer Leserschaft nichtgläubig ist, kann ich nicht nachvollziehen. Wir wissen sehr vieles von unseren Lesern, doch Erhebungen über ihre Religionszugehörigkeit gehören nicht dazu. Darüber hinaus kann sich jeder Bürger, nicht nur jeder Leser, an unsere Redaktion wenden, wenn er ein Problem von öffentlichem Interesse hat...Gesellschaftlichen Organisationen jetzt eine zusätzliche Rubrik einzuräumen, ist nicht vorgesehen..."
Das fand ich nicht sonderlich überraschend. Es ist ja allgemeiner Trend, dass Gläubige etwas Besonderes sind, denen außerordentliche Rechte auch in den Medien zu zustehen haben, während alle anderen und ihre Institutionen sich mit der Rolle "jeder Bürger" zufrieden geben müssen.
Immerhin, die Überschrift der Rubrik wurde geändert. Aus "Gedanken zur Zeit" wurde das konkrete "Kirche" und daraus später "Besinnung zum Sonntag". 
In diesen Rubriken ging es meist um Banales, aber auch um Mission und die typische Atheistenverleumdung.…Wie kann man weltanschaulich neutral über Schuld und Gewissen, Strafe und Vergebung reden? Da muss eigentlich Gott vorkommen. ...Der weltanschaulich neutrale Staat kann keine verbindlichen Werte schaffen. ... Ehrfurcht vor Gott, Dankbarkeit und eine gewisse Demut, das sind Grundhaltungen, die unsere Kinder lernen müssen...“ konnte man da in der Werbung für Religionsunterricht schon mal lesen. 
Die Spalte gibt es immer noch. Aber etwas hat sich geändert, der Onlineauftritt der TZ. Dort wurden nun, mal unter "Christentum", mal unter "Evangelisch", Nachrichten mit kirchlichem Bezug eingestellt. Fast jeden Tag mindestens eine, bis zu drei am Tag habe ich gezählt. In den letzten Tagen allerdings nicht mehr. Ob es wieder etwas mit einen Mailwechsel zwischen mir und er Redaktion zu tun hat?
In einem Artikel, der allerdings unter "Kommunen" erschien, hieß es 
"Bürgermeister Detlef Tabbert hat die Vertreter der Evangelischen Kirchengemeinde Templin, der Evangelisch-freikirchlichen Gemeinde und des Katholischen Pfarramtes zu einer Gesprächsrunde in die Stadtverwaltung eingeladen.....Lobende Worte gab es für den Festgottesdienst zum Abschluss des diesjährigen Stadtfestes auf dem Marktplatz. Er sollte zur Tradition werden; ebenso wie die Gesprächsrunden zwischen den Kirchen und der Stadtverwaltung, waren sich die Teilnehmer einig."

Das fand ich bemerkenswert. Bisher hatte es beides noch nie gegeben. Ebenso bemerkenswert fand ich, dass dies unter dem neuen Bürgermeister der Linken, vorher Unternehmer, passiert. Unter dem langjährigem Vorgänger  Ulrich Schöneich, einem Pfarrerssohn und Kirchenangestellten, kam so was nicht auf den Marktplatz. Zeit für einen Leserbrief. 
Den, sowie Auszüge aus dem sich ergebenden Mailverkehr, schließe ich jetzt ohne weitere Kommentare an.
Leserbrief
Überall in Deutschland laufen den Kirchen die Mitglieder davon. Überall in Deutschland ist die Sonderrolle der Kirchen als moralische Instanz verloren gegangen. Überall in Deutschland verlieren die Kirchen an Einfluss.
Überall? Nein, ein kleines Städtchen stemmt sich mit seinem Bürgermeisters von der Linken tapfer dem Trend entgegen.
Trotz eines Bevölkerungsanteils von 80% Konfessionslosen (Durchschnitt Brandenburg) gibt es unter seiner Führung nun in Templin nicht nur einen Gottesdienst zum Stadtfest und Gespräche mit den Großkirchen und den Baptisten, nein, die sollen auch noch "Tradition" werden. Man kommt sich tatsächlich wie in einer Comicwelt vor. Ob es allerdings auch so ausgeht, wie im Comic?
Sogar die Kirchen selbst gehen von ihrem immer weiter schwindenden Einfluss bei den Menschen aus. Umso mehr versuchen sie, ihren Einfluss in den Institutionen zu stärken und verteidigen liebgewordene Sonderrechte, wie umfangreiche staatliche Finanzierung von rd. 19 Milliarden Euro im Jahr, mit allen Mitteln. Nicht einmal die Mahnung des Papstes, hier umzudenken, konnte die deutsche katholische Kirchenprominenz umstimmen.
Der Osten Deutschlands bleibt seit der Wiedervereinigung standhaft atheistisch. Alle Versuche der Kirchen zur Evangelisierung sind gescheitert. Viele sind nur noch Kirchenmitglieder, weil sonst ihr Arbeitsplatz in Gefahr wäre. Auch hier haben die Kirchen Sonderrechte. Sie können sich  nicht nur weigern, Arbeitssuchende einzustellen, die nicht ihre Weltanschauung haben, sie können sie auch entlassen, wenn sie sich nicht nach ihren Moralvorstellungen verhalten. Wobei es wohl hauptsächlich dem besonderen Arbeitsplatzmangel zuzuschreiben ist, wenn Menschen noch in kirchlichen Einrichtungen unter Tarif und ohne Schutz des Betriebsverfassungsgesetzes, das für Kirchen nicht gilt, Arbeit suchen.
Ob der Bürgermeister bei seinen Gesprächen mit den Kirchen auch das bespricht, ob er sie auch auffordert, auf diese Sonderrechte zu verzichten und ihren Angestellten die gleichen Rechte wie allen anderen Arbeitskräften in Deutschland einzuräumen? Das wäre nicht nur angebracht, dann hätten die Gespräche sogar eine breite gesellschaftliche Legitimation. Allein, ich bezweifle es.

Redaktion (auf meine Nachfrage zur Veröffentlichung)
...Dass Ihre Leserzuschrift noch nicht erschienen ist, hat ausnahmsweise einmal nichts mit der Länge zu tun, sondern mit dem Inhalt
Eine kleine Nachricht, wonach sich das Stadtoberhaupt von Templin mit Kirchenvertretern traf, rechtfertigt unseres Erachtens nicht, mit Ihrer Leserzuschrift und deren Veröffentlichung in der Templiner Zeitung eine Grundsatzdebatte über die Glaubensfreiheit im Allgemeinen und in Templin im Besonderen loszutreten.
....
Ich persönlich rechne es Herrn Tabbert im Übrigen hoch an, dass er als Vertreter der Partei Die Linke auf die Kirchen Templins zugegangen ist. Insofern einen Makel darin zu sehen, dass sich der Bürgermeister mit Kirchenvertretern trifft und mit ihnen Themen erörtert, die beide Seiten interessiert, halten wir in der Redaktion für kein Thema, dass einer öffentlichen Kritik bedarf.
Insofern werden wir von einer Veröffentlichung Ihrer Leserzuschrift Abstand nehmen. 

Nachfrage
In meinem Leserbrief finde ich nichts, das den Schluss nahe legt, ich wollte eine Grundsatzdebatte über die Glaubensfreiheit lostreten. Ich toleriere nicht nur den Glauben anderer, ich halte Religionsfreiheit für eins der wichtigsten humanistischen Prinzipien.
Es war auch nicht die Nachricht, dass sich das Stadtoberhaupt mit Kirchenvertretern traf, die mich zur Reaktion veranlasste, sondern die Ankündigung, dass sowohl diese Treffen nun unter der Bezeichnung Runder Tisch regelmäßig stattfinden sollen, als auch die Mitteilung, nun zum Stadtfest regelmäßig einen Festgottesdienst abzuhalten. Bei der Bewertung, ob ein Leserbrief angemessen ist, sollte nicht die Größe des Artikels, auf den er sich bezieht,  eine Rolle spielen, sondern der Inhalt. Hier ging es immerhin um wesentliche Änderungen des Verhaltens der Kommune, sowohl in ihrem verwaltungsinternen Agieren als auch im öffentlichen Raum. Ebenso interessant ist auch meine Erwähnung, dass die Stärkung des öffentlichen Einflusses der Kirchen, denn um den geht es hier eindeutig, ausgerechnet unter einem Bürgermeister der Linken vorgenommen wird.
Ich kann also Ihre vorgebrachten Gründe, mit denen Sie die Veröffentlichung meines Leserbriefes ablehnen, nicht nachvollziehen.
Deshalb gehe ich davon aus, die hat ihre Ursache in der Tatsache, dass die Redaktion anderer Meinung ist als ich, was sich für mich klar aus dem letzten Satz Ihres Schreibens ergibt. Die Rolle der Kirchen in der Öffentlichkeit, ihre Sonderrechte incl. des Arbeitsrechtes und ihre Finanzierung ist deutschlandweit in der Diskussion. Solche Diskussion sind nicht nur zur Stärkung demokratischen Verhaltens, sondern für die gesellschaftliche Entwicklung selbst von großer Bedeutung. Sie sollten von den Medien neutral begleitet und die Entscheidung, ob dabei ein Fakt der Kritik bedarf oder nicht, sollte nicht von Redaktionen getroffen, sondern den Lesern überlassen werden.
Wohl auch deshalb fordert der Presserat in den publizistischen Grundsätze seines Pressekodex:

Richtlinie 2.6 - Leserbriefe
(1) Bei der Veröffentlichung von Leserbriefen sind die Publizistischen Grundsätze zu beachten. Es dient der wahrhaftigen Unterrichtung der Öffentlichkeit, im Leserbriefteil auch Meinungen zu Wort kommen zu lassen, die die Redaktion nicht teilt.

Ich hoffe, mir ist es mit diesem Schreiben gelungen, Sie von der Richtigkeit der Veröffentlichung meines Briefes zu überzeugen und würde mich besonders freuen, wenn Sie mir dafür einen zeitnahen Termin mitteilen würden.

Redaktion
Mit Ihren Argumenten überzeugen Sie uns auch weiterhin nicht. Weder die Tatsache, dass sich Templins Bürgermeister mit Kirchenvertretern getroffen hat und dies auch künftig tun will, noch ein ökumenischer Gottesdienst unter freiem Himmel bei einem Stadtfest lässt sich unseres Erachtens damit in Zusammenhang bringen, dass die Regierung der Bundesrepublik Deutschland respektive der Gesetzgeber den Kirchen Privilegien einräumt.
Ich kündige darüber hinaus an, dass ich Ihnen zu diesem Thema zum letzten Mal geantwortet habe.

Ob es sich lohnt, noch mal nachzufragen, ob die Kirche des Fliegenden Spaghettimonsters nun ebenfalls ihre Gedanken zur Zeit äußern und dafür die Rubrik "Besinnung zum Freitag" eingeführt werden könnte? :))

fragt sich gerade euer
 

Kommentare:

  1. Alexander Schwitalla11/24/2011 5:20 nachm.

    "...da ein großer Teil der Leser des Uckermark Kurier gläubige Menschen sind."

    "Wir wissen sehr vieles von unseren Lesern, doch Erhebungen über ihre Religionszugehörigkeit gehören nicht dazu."

    Ja, was denn nun??? Klingt nach dem üblichen Wunschdenken eines christlich Indoktinierten...

    Am Ball bleiben ;)

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  2. Das war mir auch aufgefallen. :)

    Bei 80% Nichtreligiöser in der Gegend dürfte es bei der Leserschaft nicht so sehr viel anders sein.

    Der Redakteuer selbst hat sich mir gegenüber als verständnisvoller Atheist dargestellt: "Dabei sehe ich nicht einmal allein ihre religiöse Bedeutung für gläubige Menschen - deren Glauben ich als Atheist im Übrigen toleriere -, sie haben zudem eine Bedeutung als Kulturstätten und sind mit ihren diakonischen Einrichtungen Seelsorger, Pflegedienstleister und Arbeitgeber für viele Menschen zugleich. "

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