22.11.2012

Das Wort zum Freitag - Beschneidungsdebatte im Bundestag

 Rituelle Beschneidung eines Kindes durch einen muslimischen Arzt in einem deutschen Universitätsklinikum. Es bestand keine Vorhautverengung.
Bild: 
 Matthias Schreiber

Heute wird es heiß im Bundestag. Obwohl es gar kein Beschneidungsverbot gibt, soll es an dessen Aufhebung gehen. Die Bundesregierung hat als Handlanger religiöser Eiferer den Prozess in Gang gesetzt, der jetzt in die nächste Runde geht. In erster Lesung wird das von ihr vorgeschlagene entsprechende Gesetz diskutiert. Doch am Ziel ist die Regierung damit noch längst nicht, der Streit um das Wie wird weiter gehen.

Die Hoffnung, die die Beschneidungsbefürworter hatten, die gesellschaftliche Diskussion würde sich schnell verlaufen, ging in´s Leere. Wie wir hatten auch viele andere gefordert, "auch religiöse Gruppen müssen sich verfassungsrechtlichen Werten beugen". So kam ein Prozess in Gang, der  dazu führte, dass der Ethikrat, der die Bundesregierung in dieser Sache berät, Nachforderungen erhoben hat. Ihm scheint nicht genug ausformuliert, wie die Schmerzvermeidung bei dem Eingriff zu erfolgen hat, der für Betroffenen zum Schockerlebnis werden kann.

In der Bevölkerung ist die Ablehnung der Beschneidung ohne Einwilligung der Betroffen Mehrheitsmeinung, in der Politik ist es (noch?) umgekehrt. Wie der Riss dort quer durch die Parteien geht zeigt sich darin, dass die Grünen sich nicht auf eine gemeinsame Haltung einigen konnten und, wie auch SPD und Linke, bei der Abstimmung den Fraktionszwang aufgehoben haben.

53  Abgeordnete aus diesen Parteien haben sich nun zusammengetan und einen alternativen Antrag, der die Beschneidung erst ab 14 und mit Einwilligung der Betroffenen straffrei stellt, eingereicht. Weitere haben sich angeschlossen, jetzt sind es schon mehr als 60. Klar ist trotzdem, ohne weiteren gesellschaftlichen Druck wird  dieser Antrag keine Chance im Bundestag haben. Deshalb war ich froh, als sofort eine Petition gestartet wurde, um den den Abgeordneten nahe zu bringen. Völlig erstaunt war ich, als ich merkte, das findet ein Teil der Beschneidungsgegner überhaupt nicht gut.

Ihre Gründe sind nicht von der Hand zu weisen. Matthias Krause schreibt dazu auf Skydaddys Blog: "Meines Erachtens muss das Alter zur Einwilligung dem entsprechen, das auch bei Piercings oder Tätowierungen greift, und das ist in Deutschland die Volljährigkeit, also 18 Jahre. (16 mit Einwilligung der Eltern.) Wieso sollen Tätowierungen und Piercings mit Einwilligung der Eltern erst ab 16 erlaubt sein, die Amputation der Vorhaut aber schon mit 14?...Wieso sollen 14-jährige Jungen einwilligen können, ihre Genitalien beschneiden zu lassen, 14-jährige Mädchen aber nicht?...Natürlich geht es mir nicht darum, die Genitalverstümmelung von Mädchen zu legalisieren. Man kann aber bei der körperlichen Unversehrtheit nicht für Mädchen und Jungen unterschiedliche Gesetze machen!" und folgert " Dass aber selbst dieser sehr entgegenkommende Gesetzentwurf völlig inakzeptabel ist, belegt einmal mehr, dass es praktisch unmöglich sein dürfte, ein verfassungskonformes Gesetz zu verabschieden, das die Knabenbeschneidung erlaubt."

Er hofft scheinbar auf das Bundesverfassungsgericht. Bis das angerufen werden kann, was schon schwierig ist, und dann urteilt, bis es danach evtl. weiter bis ans Europäische Gericht geht, würden aber viele, viele neue religiös gemarkte Kinder Schmerzen erleiden und traumatisiert werden. 


Das könnte sich realtivieren, meinen andere. Ein guter Freund schrieb mir auf Facebook: "Ich würde nur zu gern zustimmen, wenn ich überzeugt werden könnte, dass ein 14-Jähriger schon in der Lage ist, die Tragweite einer Beschneidung zu beurteilen. Darüber hinaus bezweifle ich, dass ein 14-Jähriger dem verwandtschaftlichen und sozialen Druck standhalten kann, der auf ihn im Falle einer Weigerung, sich verstümmeln zu lassen, lasten würde. Ich halte eine Altersgrenze von 16 Jahren für die allerunterste Schranke, die gerade noch hinzunehmen wäre.


Abgesehen davon halte ich eine Zustimmung für strategisch unzweckmäßig. Ein Gesetz, wie es jetzt von der Bundesregierung durchgepeitscht werden soll, lässt sich viel überzeugender als grundgesetzwidrig, menschenrechtsverletzend und kindeswohlmissachtend kennzeichnen als ein Gesetz, das einen zwar gut gemeinten, aber fragwürdigen Kompromiss vorschlägt. Dieser Kompromiss verdeckt das steinzeitliche Denken, das in diesem religiösen Ritus steckt. Das politische Ziel muss eine Lösung sein, die ein erwachsener Mensch von mindestens 18 Jahren in freier Entscheidung treffen kann."

Auch das ist nachdenkenswert und nicht einfach von der Hand zu weisen. 
Aus meiner langjährigen Tätigkeit als Jugendsozialarbeiter in dieser Altersgruppe weiß ich, die wissen schon ganz gut was sie wollen, können das auch begründen und gegebenenfalls durchsetzen. Auch dauert dieser familiäre und gesellschaftliche Druck weiter an. Es werden nicht viele sein, die sich mit 18 erfolgreicher dagegen wehren können. 

Auch ich bin klar dafür, die Beschneidung erst ab 18 mit persönlicher Einwilligung und vorheriger Belehrung über mögliche Folgen zu erlauben. Um aber, bis das eventuell möglich sein sollte, schon jetzt vielen Kindern die Möglichkeit zu geben, sich gegen diese Praxis zu wehren, bin ich hier für eine pragmatische Lösung. Da würde ich es schon als Riesenerfolg betrachten, wenn der Kompromissvorschlag der über 60 Abgeorneten angenommen würde. Er hat nur wenig Chancen, aber einer mit 18 hätte gar keine. Wenn dann aber erst mal überhaupt eine Altersgrenze eingeführt ist, dürfte es später leichter werden, die zu erhöhen.

Wichtig ist nun, den entsprechenden gesellschaftlichen Druck aufzubauen. Vieles tut sich schon. Am 23. und 25.11. wird z.B. in Berlin der Film "It´s a boy" gezeigt.

"Mit seiner Dokumentation hatte Victor Schonfeld in England für Furore gesorgt. „The Independent“ urteilte: „Schonfeld gelingt ein absoluter Glücksgriff; und wie alle guten Filmemacher macht er das Beste daraus.“  Für „The Times“ war Schonfelds „verheerende Anklage“ ein „Fernseh-Höhepunkt“. Linda Grant schrieb in „The Jewish Chronicle”, „It‘s  a Boy!“ solle „von jedem gesehen werden…  Die Aussage dieses Films verlangt nach einer Debatte” 

Dieser Film mit deutschen Untertiteln wird seinen Beitrag leisten.
Leisten auch wir unseren:  








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