13.08.2015

Das Wort zum Freitag - Märchen

 
Foto: Nina Aldin Thune

Märchen

Es war einmal ein König, der sein Land liebte und weise regierte. Er liebte auch sein Volk und das Volk liebte ihn, denn er war gerecht, hatte ein Ohr für die Sorgen und Nöte seiner Untertanen und stand ihnen mit Rat und Tat zur Seite.

Von ganzem Herzen aber liebte der König seine Gemahlin, die ihr gemeinsames Glück komplettierte, indem sie ihm zwei Söhne schenkte, erst Kaspar, dann Melchior. Die Söhne wuchsen heran und entwickelten sich prächtig.

Als es für Kaspar und Melchior Zeit wurde, fürs Leben ausgebildet zu werden, ließ der König Erzieher kommen. Jeder Sohn sollte seinen eigenen Lehrmeister erhalten, um so gut wie möglich auf das Leben eines späteren Königs vorbereitet zu sein. Die klügsten Männer wurden in Augenschein genommen und vom König höchst persönlich geprüft. Bald darauf nahm die Erziehung seiner Söhne ihren Anfang.

Kaspar geriet an einen sehr strengen Lehrmeister. Dieser stammte aus einem gestrengen katholischen Haushalt und brachte von nun an wenig Freude in das Leben des Achtjährigen. Nicht lange und auch er sah sich die Eigenschaften seines Lehrers ab, wurde zum zielstrebigen, engstirnigen Kinde, das alles daran setzte, Lob vom Lehrmeister zu empfangen. Eigene Gedanken hatten da keinen Platz. Kaspar unterwarf sich wie ein Schaf.

Melchior hatte es etwas besser getroffen. Sein Lehrmeister war moderner. Er war von evangelischem Glauben geprägt und erzog seinen Zögling nicht gar so streng. Jedoch war auch Melchior ehrgeizig und bemühte sich, es seinem Lehrmeister möglichst recht zu machen.

Zur Freude des Königspaares kündigte sich ein weiteres Kind an. Dieses Kind entwickelte sich schon im Mutterleib anders, als die beiden älteren Brüder. Nicht selten stieß es seine Mutter so heftig, um sich besser bewegen zu können, dass sie über ihren runden Bauch strich und das ungeborene Kind liebevoll „mein kleiner Pirat“ nannte.

Der Tag der Niederkunft war gekommen. Abermals gebar die Königin einen Prinzen, der den Namen Balthasar bekam. Leider konnte sie sich an ihrem dritten Kinde kaum erfreuen, denn sie starb schon bald nach der Geburt. Der König war zu Tode betrübt und obwohl er ein sehr gerechter König war, nahm er es Balthasar sehr übel, dass er ihm seine Frau nahm. Schon bald ward er nicht mehr bei seinem Namen gerufen. Der König nannte ihn nur noch „Pirat“, nicht ohne dabei voll Trauer an seine Königin zu denken. Unser kleiner Pirat war ihr zudem wie aus dem Gesicht geschnitten. Balthasar, den bald alle nur noch „Pirat“ nannten, kam früher als die beiden anderen Söhne in die Obhut eines Erziehers. Dabei wurde kein großes Federlesen gemacht. Als eines Tages ein alter Fahrensmann ins Schloss kam, um sich in den Dienst des Königs zu stellen, weil er aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr zur See fahren konnte, ernannte der König ihn kurzerhand zum Erzieher seines dritten Sohnes. Da dieser soeben ernannte Lehrmeister Pastafari war, wurde der kleine Pirat im Glauben an das Fliegende Spaghettimonster erzogen.

Jahre gingen ins Land. Die Söhne reiften zu jungen Männern heran. Es war an der Zeit, sie auf die Probe zu stellen, zu prüfen, aus welchem Holz sie von ihren Lehrern geschnitzt wurden.

Der König fasste den Entschluss, sie für drei Jahre an den Rand eines nahe des Schlosses gelegenen Dorfes zu schicken, um dort die Schafzucht zu erlernen. Er wollte prüfen, wie sie sich im Umgang mit einfachen Lebewesen anstellten, ehe er dem Geeignetsten von ihnen die Regierung seines Volkes anzuvertrauen gedachte.

So rief er seine Söhne zusammen und teilte seinen Entschluss mit. Jeder bekam eine Herde von sieben Zippen und einem stattlichen Bock. Sobald die Lehrzeit beendet war, sollte ein jeder einen Baum am Rande des Dorfes pflanzen, aber nur, wenn er sich sicher war, seine Aufgabe zur Zufriedenheit gemeistert zu haben.

Gesagt, getan, die Söhne zogen aus. Aber nur einer ging leichten Schrittes, unser Pirat. Die beiden älteren Brüder waren entsetzt. Sie konnten sich kaum vorstellen, ihren gewöhnten Luxus zu verlassen und gar durch eigener Hände Arbeit ihren Unterhalt zu bestreiten. Ihre Lehrmeister hatten sie obendrein auf eine solche Aufgabe nur unzureichend vorbereitet. Also blieb ihnen nichts, als abzuziehen und auf den Segen ihres Gottes, an den sie so fest glaubten, zu hoffen.

Kaspar hatte es besonders schwer. Seine Schafherde bekam nach dem 1. Jahr nicht ein einziges Lamm zustande. Das war nicht verwunderlich, denn er trennte den Bock von den Zippen, so wie gelernt. Männer und Frauen sollten nach seinem Glauben vor der Ehe nicht beieinander sein. Also machte der Ahnungslose es bei den Tieren ebenso. Aber Tiere sind ja bekanntlich unberechenbar, besonders, wenn ihnen das Fell juckt. Eines Nachts, als der Bock den besonderen Duft der Zippen wahr nahm, gab es für ihn kein Halten. Er sprang über seine Absperrung und beglückte ein paar Zippen.

Im 2. Jahr gab es folgerichtig erste Lämmer. Kaspar glaubte, dass Gott es irgend wie bewerkstelligt hätte. Wieder wurden die jungen Böcke von den Lämmern getrennt. Als diese ihren Trieb an anderen Böcken zu befriedigen suchten, wusste Kaspar sich nur einen Rat, er schlachtete sie kurzerhand. So etwas war für ihn undenkbar, gar abartig. Auch ein paar Zippen mussten ihr Leben lassen, da sie den Paarungsvorgang instinktiv miteinander übten.

Im 3. Jahr gab es noch wenigere Lämmer. Aber letztlich konnte Kaspar eine Herde von nunmehr 11 Zippen und natürlich dem einen Bock verzeichnen. Das war ihm genug, er ward zufrieden und beabsichtigte nun, den Baum zu pflanzen, damit sein Vater und König sich den Ertrag besehen konnte. Nichts Geringeres, als eine stolze Eiche wollte er pflanzen. Gesagt, getan, es wurde ein Loch ausgehoben, die junge Eiche eingegraben. Sogar das Angießen vergaß Kaspar nicht.

Melchior stellte sich etwas geschickter an. Seine Tiere durften sich paaren. Allerdings achtete er streng darauf, dass sie es nur bei Nacht taten und es nicht mit der Häufigkeit übertrieben. Auch das Bespringen gleichgeschlechtlicher Tiere ahndete er streng. Der Armselige behandelte seine Schafherde wie Menschen, setzte sie mit der Herde in seiner Kirchgemeinde gleich. Dass Menschen, die ähnlich seiner Herde, frei und ohne Dogmen leben wollen, kam ihm nicht in den Sinn. Er wusste es nicht besser, brachte es im letzten Jahr aber immerhin so weit, seine Herde zu verdoppeln. Also zog auch er los, pflanzte eine Jungeiche neben die seines Bruders.

Viel besser stellte sich unser Pirat seiner Aufgabe. Er ließ seine Herde frei laufen, beobachtete sie und lernte sogar von ihnen. Kam ihm etwas komisch vor, war er sich nicht zu fein, ins Dorf zu stiefeln, um sich von erfahrenen Bauern Rat zu holen. Er konnte am Ende Krankheiten der Tiere behandeln, wusste genau, welches Futter gut für sie war und war in der Lage, die Tiere zu scheren und Wolle aus ihrem Fell zu spinnen. Selbst das Melken beherrsche er, konnte Quark und Käse aus der Milch der Muttertiere herstellen. Nach den drei Jahren hatte er eine stattliche gesunde Herde vorzuweisen und pflanzte nicht ohne Stolz eine kleine Buche neben die Eichen seiner Brüder.

Alle Bäume wuchsen gut an und entwickelten sich, die Buche etwas schneller als die zwei Eichen.
Die älteren Brüder sahen das und Neid kam auf. Sie stöberten weiter und entdeckten, dass ihr jüngerer Bruder ihnen nicht nur bei der Baumbepflanzung überlegen war. Kaspar und Melchior bangten sehr um ihren Sieg, denn sie wollten doch einer wie der andere nichts sehnlicher, als endlich König zu werden, um ein ruhiges bequemes Leben auf Kosten ihrer Untertanen führen zu können.

Schnell wurde gehandelt. Die älteren Brüder nahmen eine Säge und schnitten den Baum ihres jüngsten Bruders einfach ab. Damit sie bei dieser Tat nicht entdeckt wurden, verließen sie von nun an ihre Weiden nicht mehr. Um ihr Gewissen zu erleichtern, richteten sie täglich Gebete an ihren Gott, um Absolution zu erhalten. So glaubten sie, sich rein gewaschen zu haben.

Der König hörte von seinen Untertanen, dass seine Söhne inzwischen die verabredeten Bäume gepflanzt hatten und machte sich auf, diese zu besichtigen. Als er den Strunk unseres Piraten sah, war er nicht verwundert. Von ihm erwartete er einfach nichts. Als der König dann aber die Herden seiner Söhne besah, änderte er schnell seine Meinung. Er erkannte, dass Pirat den richtigen Weg gegangen war und freute sich, dass sein so geliebtes Volk, einen fähigen Nachfolger bekommen würde. Er erkannte aber auch, dass seine älteren Söhne noch eine Menge zu lernen hatten. Der alte König bereute, sich all die Jahre so wenig um seine Kinder gekümmert zu haben und bereute den Fehler, die Erziehung in fremde Hände gegeben zu haben und fortan dem Selbstlauf zu überlassen. Das wollte er nun nach bestem Wissen und Gewissen wieder gut machen. Falls Kaspar und Melchior nicht zu sehr indoktriniert waren, gab es noch Hoffnung.

Der Buche aber bekam der Schnitt recht gut. Sie wuchs um so besser, entwickelte ein prächtige Krone und einen starken Stamm. Noch heute kommen die Leute von nah und fern, um sie zu sehen und sie raunen sich zu: „Diesen Baum hat ein Pastafari gepflanzt.“

Und wenn sie nicht gestorben sind ...
... sind sie noch nicht am Biervulkan.

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