21.01.2016

Das Wort zum Freitag - Kultur und Religion




Es liegt nicht an der Religion. Im nahen Osten haben Christen oft die gleichen Traditionen wie die Muslime. Es liegt also an der Kultur, und die wird nicht religiös geprägt, sondern räumlich.“

So ähnlich habe ich es neulich in einem Bericht gelesen. Es gab gleich Zustimmung, dort gäbe es in Manchem wirklich keinen Unterschied zwischen Christen und Muslimen. In der Beschneidungspraxis von Mädchen, in der fehlenden Gleichberechtigung von Frauen, im Hass auf Homosexuelle und so weiter.

Das sehe ich auch so. Aber woran liegt das?

Ich habe mich im Netz umgesehen und gefunden, Wiki unterteilt klar in jüdische, christliche und muslimische Kultur. Es scheint also einen Zusammenhang zwischen Religion und Kultur zu geben.

Von der Wortbedeutung her gehörten Religion und Kultur immer zusammen: Das lateinische „colere“ stand für (Land) bewohnen/ bebauen, pflegen/ schmücken, (Göttliches) verehren. Während das Nomen „cultura“ noch im Mittelalter neben landwirtschaftlicher Kultivierung auch religiöse Verehrung bezeichnete, ist letztere Dimension heute nur mehr im Wortstamm „kult-“ (von lat. „cultus“, einem zweiten mit colere zusammenhängenden Nomen“) vorfindbar: Kult, Kultus, kultisch etc.“
Das habe ich ausgerechnet auf einer christlichen Seite gefunden.

Aber gibt es mehr als einen Zusammenhang aus der Wortbedeutung? Die Kirchen scheinen das so zu sehen. Sie haben extra ein Institut für Kultur und Religion gegründet, um „
Beratung, Training und Workshops für Führungskräfte und Mitarbeitende in Kirche und Gemeinde, Diakonie und Caritas, Schule und Hochschule“ anzubieten.

Aber auch einfache Beobachtung macht uns schon klar, Religion hat einen starken Einfluss auf die Kultur der jeweiligen Gemeinschaft. Es geht auch gar nicht anders. Wenn Juden zumindest einen Teil ihrer 613 Mitzwot ernst nehmen, kann das gar nicht ausbleiben. Ähnliches gilt für Christen und Muslime analog und natürlich auch für andere Religionen. Das betrifft alle Lebensbereiche. Bei der Kleidung müssen die einen bestimmte Kopftücher tragen, andere diverse Hüte und Hütchen. Beim Essen müssen die getrennte Töpfe für die Zubereitung der Speisen haben, welche dürfen kein Schweinefleisch essen, welche keine Kühe. In Manchem sind sich wieder alle einig. Beim Hass auf Homosexuelle, beim Fehlen sexueller Selbstbestimmung, bei der untergeordneten Rolle der Frau.

Kultur wird also religiös geprägt, nicht räumlich. Wenn Christen in muslimischen Ländern ähnliche Praktiken wie Muslime pflegen, liegt das zum Einen daran, dass sie in der starken Minderheit sind und historisch gezwungen waren, sich anzupassen, zum Anderen an der Ähnlichkeit der beiden Religionen.

Andererseits verhalten sich Angehörige der gleichen Religion in unterschiedlichen Ländern und Gesellschaften auch unterschiedlich. In manchen sind sie toleranter, in anderen fundamentaler. Während das Christentum in Europa immer mehr verweltlicht und langsam Toleranz einzieht, nimmt es in Afrika und Südamerika noch eine breite Rolle in der Gesellschaft ein und ist entsprechend selbstsicher und fundamentaler.

Für mich ergibt sich daraus, Religion und Kultur bestimmen sich wechselseitig. Je größer der Einfluss von Religion auf eine Gesellschaft, um so größer auch der Einfluss der Religion auf die Kultur. Umgekehrt lässt sich sagen, je weniger Einfluss die Religion auf die Gesellschaft hat, um so größer der Einfluss der Kultur auf die Religion.

Daraus können wir mindestens zwei Lehren ziehen.


1. Es ist nicht sinnvoll, den Einfluss von Religion auf unsinnige gesellschaftliche Praktiken und Sitten, besonders in stark religiösen Ländern, damit relativieren zu wollen, dass diese nicht religiöser, sondern kultureller Natur wären. Es ergibt sich lediglich die Frage, ob Religion ursächlich oder über die herrschende Kultur nur indirekt Verantwortung übernehmen muss.

2. Es gilt für jede Gesellschaft einen kritischen Punkt zu überwinden. Den Punkt, an dem der Einfluss von Religion auf die Kultur noch größer ist als der von Kultur auf Religion.

Das bedeutet leider nicht, ab diesem Punkt läuft alles von selbst in Sachen Verweltlichung. Wir müssen im Gegenteil immer wachsam sein, dass sich diese Entwicklung nicht wieder umkehrt.
Es bedeutet aber, dass ab diesem Moment die Chancen einer Gesellschaft, sich statt am vermeintlichen Willen von Göttern an den Interessen der Menschen zu orientieren, enorm steigt.

Oder, ganz einfach gesagt, es bedeutet, dass diese Gesellschaft menschlicher wird.

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