02.02.2017

Das Wort zum Freitag - Gysis Moral

St. Gysi

"Ich glaube zwar nicht an den da oben, aber ich fürchte eine gottlose Gesellschaft"

Nein, es soll jetzt nicht darum gehen zu fragen, ob sich dann Gysi die ganze Zeit in der DDR gefürchtet hat. Die scheint er ja schadlos überstanden zu haben.

Es geht vielmehr um die Begründung: "Ich habe - obwohl ich selbst nicht an Gott glaube - versucht, der Gemeinde zu erklären, dass ich eine gottlose Gesellschaft ganz furchtbar fände. Und zwar schon aus folgenden Gründen: Erstens sind die Religions- und Kirchengemeinschaft Bestandteil unserer Kultur, und zweitens sind zurzeit nur die Kirchen- und Religionsgemeinschaften in der Lage, allgemeinverbindliche Moralnormen aufzustellen."

Wenn er dann meint, die Linke konnte das mal, aber jetzt gerade nicht mehr, vergisst er wohl, dass die Linke nicht die einzige gesellschaftliche Kraft in Deutschland ist. Oder liegt es eher an der teilweisen Übereinstimmung die er zwischen demokratischen Linken und dem Christentum sieht? (ab 8:00).
Manche halten das einfach für Wahlkampf und sehen es damit als erledigt an. Ich weiß nicht, ob diese Vermutung wirklich besser für ich wäre. Was sollte man von einem Politiker halten, der grundlegende Aussagen nur aus wahltaktischen Gründen trifft und welche seiner übrigen Aussagen wären dann ebenfalls nur wahltaktisch?

Gysi hat die positive Bedeutung der Kirchen nicht zum ersten Mal hervorgehoben. Demnach sei es den Kirchen zu verdanken, dass es verbindliche ethische und moralische Werte in Deutschland gebe.

Welche Werte wären das denn, Herr Gysi?

Um das zu beantworten stellt sich wieder ein Mal die Frage, was sind christliche Werte?
Das zu beantworten ist nicht leicht. Jedenfalls nicht, wenn man nicht selbst Christ ist. Für die ist klar, alle heute als gut anerkannten Werte sind christlich, alle anderen unchristlich.

Auch ich kann das nicht abschließend beantworten. Eins scheint mir aber klar, um diese Werte festzulegen, kann man sich nur an die Bibel halten, und das in der wörtlichen Aussage. Zu differtent sind die Werte, die die Unmassen an christlichen Kirchen und Sekten heute leben, um von der aktuellen Situation auszugehen. Da könnte man wohl nur feststellen, es gibt keine christlichen Werte.

Für manche ist die Bergpredigt aus Matthäus 5, im Wesentlichen eine Interpretation der 10 Gebote, da die erste Quelle. Besonders die Aufforderung zur Feindesliebe wird da hervorgehoben. Für mich ein absolutes Unding, und ich vermute, für alle anderen auch. Maximal Toleranz wäre da für mich möglich. Den zu lieben, der dich vielleicht töten will, halte ich eher für psychopathisch.
Jesus selbst bezieht sich später, in Matthäus 19 dann auch noch einmal ausdrücklich auf die Gebote:

Und siehe, einer trat zu ihm und sprach: Guter Meister, was soll ich Gutes tun, daß ich das ewige Leben möge haben? 17 Er aber sprach zu ihm: Was heißest du mich gut? Niemand ist gut denn der einige Gott. Willst du aber zum Leben eingehen, so halte die Gebote.

Da gehen wir doch mal mit Jesus und sehen uns an, was die so wert sind, indem wir sie mit heutigem Recht vergleichen.

Dazu nehmen wir aus praktischen Gründen die Kurzform. Die lange dürfte selbst für Christen nicht so bekannt sein. Schon 1997 wurde in der Augsburger Kirchenzeitung festgestellt, nicht einmal ein Drittel der Priester der anglikanischen Kirche konnte die 10 Gebote hersagen. In der Kurzform, wohlgemerkt.


1. Gebot
Ich bin der Herr, dein Gott. Du sollst keine anderen Götter haben neben mir.


Klarer Verstoß gegen GG Art. 4
Die Freiheit des Glaubens, des Gewissens und die Freiheit des religiösen und weltanschaulichen Bekenntnisses sind unverletzlich.

2. Gebot
Du sollst den Namen des Herrn nicht missbrauchen.


Da gehts um Fluchen und so. Ist laut Grundgesetz nicht verboten. Das kümmert sich gar nicht drum. Also verstößt diese Forderung selbst gegen das Grundgesetz.
Zeitweilig hieß auch: Du sollst dir kein Bild machen. Ein Verstoß gegen GG Art. 5. Demnach kann jeder seine Meinung in Wort, Schrift und Bild frei äußern.

3. Gebot
Du sollst den Feiertag heiligen.


Verstoß gegen GG Art 12 zur freien Arbeitsplatzwahl. Also auch zu solcher, die an Sonn- und Feiertagen Arbeit erfordert.
Auch sonst wird wohl niemand ernsthaft fordern können, dass ich an Feiertagen nichts arbeite, privat im Garten oder im Haushalt.

4. Gebot
Du sollst Vater und Mutter ehren

Davon steht nichts im GG und es gilt zunächst, was dort nicht verboten ist, ist zunächst erlaubt. Wer also verbieten will, seine Eltern nicht zu mögen, verstößt damit gegen das GG.

Auch sonst wird wohl niemand verlangen können, das Kinder die von ihren Eltern vernachlässigt, geprügelt, vergewaltigt, auf den Strich geschickt oder sonst mißbraucht wurden trotzdem Vater und Mutter ehren sollen.
Es ist übrigens interessant, dass es in der ganzen Bibel nicht einmal die Aufforderung an die Eltern gibt, ihre Kinder zu ehren. Da wird im Gegenteil dazu aufgefordert, wenn es Kinder von Feinden sind diese an Steinen zu zerschmettern oder wenn es eigene, aber ungehorsame sind, diese zu steinigen.

5. Gebot
Du sollst nicht töten.

Mag erst mal als grundsätzliche Einstellung gelten können. Aber eben nicht als absolutes Gebot.
Im deutschen Recht ist ausdrücklich geregelt, dass in Fällen von Selbstschutz oder Schutz von anderen (Notwehr und Nothilfe) auch getötet werden darf, wenn anders dieser Schutz nicht erreichbar ist.
Auch sonst lohnt es sich darüber nachzudenken, für wen das eigentlich gelten soll. Auch für Tiere? Auch für Feinde? Nee, da spricht die Bibel eine andere Sprache. Alle diese Regeln galten immer nur innerhalb der eigenen Gruppe, also der Juden, später Christen selbst. Nie nach außen.

6. Gebot
Du sollst nicht ehebrechen.


Ist schon ewig nicht mehr strafbar, nicht mehr noch als Scheidungsgrund möglich, da die ja inzwischen ohne Schuldfrage geregelt wird.
Auch sonst ist es wohl reine Theorie zu fordern, dass dort, wo Eheleute sich gegenseitig tolerieren, Seitensprünge zu unterlassen. Oder dort wo Ehen zu ende gehen, wo sie gescheitert sind aber aus gesellschaftlichem Druck oder anderen Gründen nicht gelöst werden können, trotzdem noch sexuelle Treue zu fordern.

7. Gebot
Du sollst nicht stehlen


Wieder wie beim 5. erst mal nicht falsch. Was aber, wenn z.B. ein Attentat vorbereitet wird und ich im letzten Moment den Zünder aus der Bombe klaue? Mag jetzt etwas konstruiert klingen, aber auch hier sind Ausnahmen denkbar die Stehlen rechtfertigen. Mundraub gehört dazu. Der wird sogar in der Bibel selbst gestattet. (Dtn 23,25 EU)

8. Gebot
Du sollst nicht falsch Zeugnis reden ...


Hurra, hier haben wir endlich mal eins, das wirklich gilt.

9. Gebot
Du sollst nicht begehren deines nächsten Haus


Na, warum denn nicht. Vielleicht will der ja gerade verkaufen und wäre echt froh, einen Interessenten zu finden. Eine völlig sinnlose Regel.

10. Gebot
Du sollst nicht begehren deines nächsten Weib, Knecht, Magd, Vieh und alles, was dein nächster hat.


Da finde ich es schon mal ne ganz unverschämte Frechheit, in welches Umfeld hier die Frau gestellt wird. Alles übrige sind doch ganz klar Sachen, die in jeder modernen Wirtschaft ebenso wie bei 9. alles über Geld und Absprachen geregelt wird. Aber so wurde die Frau halt damals gesehen, als eine Art Eigentum.
Knecht und Magd haben das Recht auf freie Arbeitsplatzwahl.
Aber auch die Frau das Recht sich nach einem anderen Mann umzusehen, wenn ihr der eigene nicht mehr der Rechte ist.

Was also bleibt übrig von den so gelobten 10 Geboten?
Ich finde, nichts. Nicht theoretisch und erst Recht nicht praktisch.
Was im Übrigen auch die Statistik belegt. Eine Untersuchung zur Entwicklung der Kriminalität in den führenden Industriestaaten hat klar erwiesen, dort wo Religion die Moral am stärksten prägt, ist die Kriminalität signifikant höher als dort, wo sie weniger gesellschaftliche Bedeutung hat. In den USA z.B. klar höher als in Schweden. Selbst innerhalb der USA lässt sich dieser Trend nachweisen. Auch im Bibelbelt ist die Kriminalität wesentlich höher als in den weniger religiösen Gebieten.

Die 10 Gebote mögen mal Sinn gemacht haben, als sie entstanden sind und für die, die sie gemacht haben, für Gruppen mit schwacher eigener Kultur in Nachbarschaft von Kulturvölkern. Die hatten schon lange vorher bessere oder ähnliche Regelungen. Da sei mal nur auf den Kodex Hammurapi verwiesen.

Danach waren sie nur noch rückschrittlich und z.B. im Vergleich mit den Lehren der griechischen Philosophen völlig unterlegen. Wenn sich trotz dieser unbrauchbaren Moral dann doch in weiten Teilen das Christentum durchgesetzt hat, dann nicht wegen seiner Lehre, sondern nur durch die Macht, die die Kirche dank Theodosius erworben hatte.

Kommentare:

  1. Moment, heisst es nicht auch im 8. Gebot vollständig: „Du sollst nicht falsch Zeugnis reden wider deinen Nächsten“? Zumindest stehen in Exodus und Deuteronomium die Varianten „du sollst nicht falsch gegen deinen Nächsten aussagen“ bzw. „du sollst nichts Falsches gegen deinen Nächsten aussagen“. Damit bezieht sich auch dieses Gebot wieder nur auf den eigenen Trupp.

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  2. Das sehe ich ähnlich. Die Gebote und andere Regeln des Christentums waren immer nur auf die eigene Klientel bezogen. Sie waren nie gesamtgesellschaftlich gemeint.

    Das zeigt ja Jesus selbst. Als er eine Kranke heilen sollte, die nicht zu seiner Truppe gehörte, hat er sich geweigert. Erst auf Fürsprache der Apostel und nachdem sich deren Mutter erniedrigt hatte, lies er sich doch noch umstimmen.

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