27.07.2017

Das Wort zum Freitag - Rechtsbruch im Gymnasium?



ein Gastbeitrag von Cpt. Booyah


Staatlich finanzierte Missionierung, auch Religionsunterricht genannt, lässt sich Vater Staat einiges kosten. Im Jahr 2014 waren das schlappe 3,5 Milliarden Euro. Zum Glück kann man sich in Brandenburg auch für LER (Lebenskunde, Ethik, Religion) entscheiden. Man könnte sich jetzt fragen, warum im Ersatzfach LER trotzdem Religion eine Rolle spielt, aber Schwamm drüber. Hauptsache keine Zwangsmissionierung im Originalfach, vom teuer ausgebildeten Theologen. Dessen Studium, bzw. Märchenkunde mit Rhetorikkurs, wird selbstredend ebenfalls aus dem allgemeinen Steuersäckel finanziert. Das waren im Jahr 2014 bescheidene 0,65 Milliarden Euro.

Nun war es soweit, mein Kind kam aufs Gymnasium, in einer beschaulichen Kleinstadt im Land Brandenburg. In freudiger Erwartung uns für LER entscheiden zu können, wälzten wir die ersten Unterlagen. Ein Stundenplan, seitens der Schule, war auch schon angefertigt. Beim Studium des Stundenplans wurde ich das erste mal stutzig. LER lag in einer Randstunde und Religionsunterricht irgendwo mitten drin. Schlagartig war es mit der Freude vorbei. Wenn mein Kind LER machen will, muss es an einem Tag in der Woche zwei Stunden länger in der Schule bleiben, während die Kinder die Reli machen, zwei Stunden früher nach Hause dürfen. Ok, dachte ich, das Problem lässt sich doch sicher beheben. Schließlich heißt es in unserem Grundgesetz Artikel 3 Absatz 3 „Niemand darf wegen […] seines Glaubens, seiner religiösen oder politischen Anschauungen benachteiligt oder bevorzugt werden. ...“

Also setzte ich mich mit dem Schulleiter in Verbindung, um ihn auf diese Benachteiligung hinzuweisen und eine Lösung herbeizuführen. Ich unterbreitete ihm auch gleich Vorschläge, wie man diese Benachteiligung verhindern könnte. Zum Beispiel könnte man LER und Reli parallel in einer Randstunde stattfinden lassen. Wenn das nicht möglich wäre, dann eben ein Doppelblock im zweiwöchigen Wechsel zwischen LER und Reli natürlich wieder in Randstunden, damit kein Kind einen Nachteil hat. Die Antwort des Schulleiters viel sinngemäß so aus: „Es wird keine Änderung geben, da sich ohnehin die Mehrheit der Kinder für Reli entscheiden würde, wurde LER in die Randstunde gelegt.“ Der blanke Hohn! Warum sich so viele Kinder für Reli entscheiden liegt ja auf der Hand. Kein Kind will freiwillig an einem Tag pro Woche zwei Stunden länger in der Schule bleiben. Kaum vorstellbar, dass in einem Bundesland mit 76% Konfessionsfreien, plötzlich so Viele Interesse für die Lehre von bronzezeitlichen Moralvorstellungen haben sollen.

Der Schulleiter, teilte mir auch noch eine Latte an Gesetzen mit, die den Umgang mit der Märchenstunde regeln. Unter anderem stieß ich auf ein Gesetz in der RWUV (Religions- und Weltanschauungsunterrichtsverordnung). In §8 Abs. 2 heißt es: „Bei der Gestaltung des Stundenplans sieht die Schule unter Nutzung aller schulorganisatorischen Möglichkeiten die Einordnung des in der Schule stattfindenden Religionsunterrichts in die regelmäßige Unterrichtszeit vor. Der Religionsunterricht soll nicht nur in Randstunden erteilt werden.“ 

Eine derartige Bestimmung über LER habe ich nicht gefunden.  
Per Gesetz verordnete Schikanen, um die Kinder in Reli zu zwingen? 
Mit einem religiös-weltanschaulich-neutralen Staat hat das aber mal gar nichts zu tun!
 Anwälte, die wissen, wie man dagegen vorgehen könnte, können sich gern bei mir melden. Ich trinke jetzt erst mal eine Buddel Rum zur Beruhigung.

Wen es interessiert, für das Gesetz ist offensichtlich Martina Münch verantwortlich. Katholisch, geboren in Heidelberg, 7 Kinder, SPD. Ob das Absicht ist, dass uns hier, im konfessionsfreien Osten, extra streng religiöse Politiker aus dem Westen vorgesetzt werden, um die Missionierung des Ostens voran zu treiben? Anhand solcher Gesetze scheint es mir jedenfalls so.

Kommentar von Spaghettus:

Der Anwalt, den Cpt. Booyah sucht, bin ich nicht. Aber in unseren Rechtsstreitigkeiten habe ich doch so viel mit bekommen, dass ich die Überschrift, die von mir stammt, für gerechtfertigt halte.
Die Frage ist allerdings, wer verantwortlich für den Rechtsbruch ist.

In Deutschland sind Welt- und Religionsgemeinschaften gleichgestellt. Wurde das Gesetz in diesem Sinne erlassen, darf LER genau wie Religionsunterricht nicht nur in den Randstunden erteilt werden. In dem Fall wendet die Schule das Recht falsch an und ist verantwortlich.

Wurde das Gesetz nicht unter diesem Aspekt der Gleichberechtigung erlassen, soll die Bestimmung also tatsächlich nur für Reli gelten, ist das ebenfalls ein Rechtsverstoß. Er benachteiligt nicht nur  Weltanschauung im Vergleich mit Religion, er benachteiligt auch ein freiwilliges Fach im Vergleich mit einem anderen.
In dem Fall wäre das Land Brandenburg verantwortlich.

Ob aber nun so, oder anders, allein aus Gerechtigskeitsgefühl heraus, einem Gefühl, das auch Schülern vermittelt werden sollte,  ist der jetzige Zustand nicht hinnehmbar.

Es muss sich etwas ändern an diesem Gymnasium.


20.07.2017

Das Wort zum Freitag - Vertraulichkeiten



Am liebsten wäre mir´s, wäre gestern nicht das wilde Temperament einer Freibeuterin mit mir durchgegangen. Sicher habe ich gegen einen oder mehrere Wünsche des Monsters verstoßen. Froh bin ich, dass Es das wohl nicht so streng sieht. Schließlich zeige ich inzwischen Einsicht. Wer jetzt neugierig ist, liest einfach weiter.

Gestern rief mich ein Mensch auf der Arbeit an, dem ich zuvor einen Brief schickte. Er nannte seinen Namen und das Amt, in dem er beschäftigt war. So weit war das in Ordnung. Auf einen allgemein üblichen Gruß, wie „Guten Tag“ oder wenigstens ein freundliches „Hallo“ wartete ich vergebens. In breitem bayrischen Dialekt ging er sofort forsch zur Sache, wählte unaufgefordert das vertrauliche „Du“ und gab mir anschließend kurz und knapp einen Auftrag. Ich war platt und das will schon was heißen.

Was bildete sich dieser Kerl nur ein, dachte ich mir. Wie kommt er dazu, mich als wildfremde Person zu duzen, obendrein mir auch noch plump im Kommandoton einen Auftrag an Leute, die mir gar nichts sagen, hinterher zu schicken. Gut, schoss es mir durch den Kopf, Bayern haben den Ruf, gelegentlich sehr derb zu sein. Aber eigentlich wollte ich etwas von seinem Amt und er war in der Bringepflicht. Die raubeinige Piratin in mir gewann die Oberhand. Auch wenn gestern nicht der „Sprich Wie Ein Pirat Tag“ war, ich machte ihm alle Ehre. Den Typen jagte ich verbal zum Klabautermann und schickte noch diverse Flüche hinterher. Ich schwöre, der sagt nie wieder zu mir


„Grüß Gott“.

13.07.2017

Pastafaritreffen 2017




Ob wir am Ende auch in Ingolstadt das Rathaus entern können wie im letzten Jahr in Detmold, ist ungewiss. Sonst aber gibt es ein ganz ähnliches Programm.

Wieder haben wir einen Vortrag organisiert, wieder wird es eine Demonstration geben und wieder bei der abendlichen Feier eine Feuershow von Erik Eliche und Sophie Rolling Seas.

Das Treffen ist am 05./06. August in Ingolstadt.

Wir starten am Sonnabendnachmittag mit einem Vortrag. Der beginnt um 15:00 Uhr im Gasthaus Bonschab statt.

Daniela Wakonigg )*, deren Buch über das Fliegende Spaghettimonster gerade erschienen ist, wird über die "Rolle der Kirche des Fliegenden Spaghettimonsters als gesellschaftlicher Akteur" sprechen.
Auch unser Rechtsanwalt Dr. Rath, Mitautor des obigen Buches, wird anwesend sein und im Anschluss Rechtsfragen in Verbindung mit dem FSM beantworten.

Danach gehen wir was zum Grillen und zu Trinken einkaufen und fahren nach Geisenfeld. Dort sind wir Gäste beim Sommerfest des Bundes für Geistesfreiheit. Wohl spät am Abend wird es dann zurück nach Ingolstadt gehen, wo wir im Hotel Anker übernachten. Dort haben wir 4-Bettzimmer reserviert.

Am Sonntag gibt es dann wieder eine Demo "Wider den Unglauben". Die startet um 11:00 vor der Kocatepe-Moschee, der größten Bayerns und unter DITIB - Regie.
Von dort geht es zur Kirche St. Moritz und anschließend zum Rathausplatz,  wo wir die Abschlussnudelmesse abhalten werden.

Alle Pastafari und Sympathisanten sind herzlich eingeladen.
Zum Vortrag und zur Demo kann natürlich jeder einfach hinkommen.

Wer mit uns im Hotel übernachten und/oder mit nach Geisenfeld zur Feier mit dem BfG möchte muss sich anmelden, denn da sind die Plätze begrenzt.

Die Übernachtung kostet 30,- Euro pro Bett und ist nach Bestätigung der Teilnahme durch uns auf unser Konto zu überweisen.

Da die Feier auf Selbstversorgung basiert, bestimmt dort sozusagen jeder selbst den Preis.

Anmeldung bitte per Mail an


Es gilt das Windhundprinzip. Wer zuerst kommt, mahlt zuerst.
Also schnell ran an die Tastatur.

Wir freuen uns schon auf euch.


)* Daniela Wakonigg, Jahrgang 1973, ist studierte Philosophin, Theologin und Germanistin. Sie lebt in Münster (Westf.) und arbeitet als freie Autorin und Journalistin für Hörfunk- und Print-Medien. Sie ist u.a. auch Redakteurin der Zeitschrift MIZ und stellv. Chefredakteurin des Humanistischen Pressdienstes (hpd).

08.07.2017

Wenn Überschriften lügen - KdFSMD e.V gegen Land Brandenburg



Freitags 10:00 Uhr ist Nudelmesse. Das weiß jeder.

Am gestrigen Freitag war 10:00 Uhr auch Berufungsverhandlung vor dem Brandenburgischen Oberlandesgericht in Brandenburg an der Havel. Da musste ich natürlich hin. Wie immer, wenn ich nicht selbst kann, hat halt jemand anderes die Messe gehalten. Dieses Mal Elli Spirelli, und das war gut so. Sonst hätten die Besucher oben vor verschlossener Tür gestanden. 


In Brandenburg ging es erst mal merkwürdig los. Beim Betreten des Gerichtsgebäudes wurde, gegen alle Gepflogenheiten, unser Rechtsanwalt Dr. Rath kontrolliert. Das kann nichts damit zu tun haben, dass sich rumgesprochen hätte, wir Pastafari sind Piraten und traditionell schwer bewaffnet, denn er selbst ist ja keiner.

Vertreten hat er uns aber wie immer hervorragend. Das sehr gut vorbereitete Gericht hat zunächst tief gehend seinen momentanen Standpunkt erläutert. Es wurde schnell klar, das Urteil des LG Frankfurt war auf Sand gebaut. Kein Wunder, wir hatten damals alle den Eindruck, dort ist es der Einzelrichterin nur darum gegangen, die Sache möglichst schnell durch eine Formalie vom Tisch zu haben.

Die Kammer in Brandenburg kam zu dem Schluss, im Endergebnis liefe alles darauf hinaus, ob wir eine Weltanschauungsgemeinschaft sind oder nicht. Um das zu bewerten, hatte es sich auf den Paragraphen 2 unserer Satzung bezogen. Nach diesem wären wir nur eine Gruppe, die sich gegen andere Anschauungen richtet, aber selbst keine eigenen habe.

Deshalb wäre die Klage abzuweisen, wenn wir nicht gute Gründe vorbringen könnten, die dagegen sprächen.

Diese Gründe haben wir vorgebracht. Das offensichtlich so überzeugend, dass die Kammer doch erst noch einmal intensiv beraten muss. Das Urteil wurde nicht, wie nach der eingehenden ausführlichen Erläuterung erwartet, für den Nachmittag angekündigt.
Erst am 02. August wird es so weit sein.
Was wir als ganz klaren Zwischenerfolg für uns gewertet haben, auch wenn natürlich immer noch die Ablehnung unseres Antrags möglich ist. Aber erst einmal konnte das abgewehrt werden.

Um so größer war mein Erstaunen, als ich, wieder zu Hause angekommen, in ersten Meldungen lesen musste: Kirche des Fliegenden Spaghettimonsters ist keine Weltanschauung. Das teilweise sogar unter dem Stichpunkt "Urteil:"

Vor Ort am Gericht waren nur, was wohl an dem G 20 in Hamburg lag, der hpd, der rbb und ein Dokumentarfilmer, der Aufnahmen für einen Film über das europäische Pastafaritum machte.
Die Meldungen konnten also nur ihren Ursprung über dpa haben. Ein Anruf dort erbrachte, die hatten mit dem Gericht gesprochen und darauf ihren Kurzbericht aufgebaut.

Die Pressesprecherin dort hatte uns wohl wenig Chancen gegeben, was später auch aus einem Bericht bei Brandenburg Aktuell hervorging. Das hatten dann einige Medien noch mal verschärft und uns in ihren Überschriften bereits abgeurteilt. Später, im Text wurde, dann zwar alles wieder richtig gestellt, aber es sind diese Überschriften, die in der Öffentlichkeit hängen bleiben werden.

Der hpd titelt sachlich: Noch kein Urteil im Schilderstreit. Der war ja auch vor Ort und da hatte ich nichts anderes erwartet. Überrascht war ich von katholisch.de wo ebenfalls sachlich gefragt wurde:
Bleiben Nudelmesse-Straßenschilder verboten? 

Einen guten Vorbericht gab es beim rbb: Der endlose Streit um die Nudel und auch mit dem Titel des Nachberichts kann ich leben: Es sieht nicht gut aus für die "Pastafari".  Bis auf die Anführungsstriche natürlich.

Tja, ob es wirklich so schlecht steht um unser Anliegen?
Ich sehe es nicht so. Auf Facebook schrieb jemand: Ihr gewinnt doch sowieso. Entweder den Prozess oder gesellschaftliche Wirkung. Stimmt, aber beides wäre auch nicht schlecht.

Wichtig war vor allem, dass sich das Gericht wirklich intensiv mit der Problematik Weltanschaung auseinander gesetzt hat. Das eröffnet sehr wahrscheinlich die Möglichkeit, bei Abweisung unserer Berufung gleich weiter zum Bundesgerichtshof zu gehen.

Na, das wäre doch was. :)

Einen Sieg haben wir jetzt schon erreicht. Dass Weltanschauungsgemeinschaften das gleiche Recht auf solche Schilder haben, wurde vom Gericht auch so gesehen.

Na, das ist doch schon was. :)

Bis demnächst. 



06.07.2017

Das Wort zum Freitag - Angeborene Spiritualität?



Vielleicht, liebe Brüder und Schwestern, geht es euch da ja genau so wie mir. Da behauptet einer was und man tut es mit einem leichten Lächeln ab. Dann behauptet ein anderer das Gleiche, und man ist fassungslos.

Zwei solche Paradebehauptungen sind für mich:

"Aber die Kirchen tun doch so viel Gutes" und

"Spiritualität ist ein tief in uns angelegtes Bedürfnis".

Kommen solche Behauptungen von Gläubigen, stört mich das nicht. Jeder soll seinen Aberglauben leben, wie er will, so lange er damit nicht die Interessen anderer verletzt.

Kommen die von Humanisten, zum Teil sogar von organisierten, habe ich kein Verständnis.

Ersteres lässt sich doch relativ leicht ad absurdum führen. Ja, Kirchen tun auch Gutes (auch, nicht so viel..), aber mit unseren Geldern. Caritas und Diakonie, die beiden größten Sozialkonzerne der Welt, geben gerade mal rund 2% an Eigenmitteln aus. Der Rest sind Spenden und, vor allem, Zuwendungen der öffentlichen Hand.
Außerdem tun sie auch eine Menge Schlechtes. Sie indoktrinieren, sie betreiben Lobbyismus in einem Ausmaß, dass selbst die Autoindustrie neidisch wird, sie beeinflussen Gesetze (z.B. Sterbehilfe, Geburtenregelung, Präimplantationsdiagnostik u.a.) im Sinne ihres Aberglaubens und sie setzen Dogmen, die die freie gesellschaftliche Entwicklung behindern.
Letzteres trifft übrigens auf fast alle Religionen zu. Weshalb nicht nur Kirchen, sondern auch Religion selbst gesellschaftsschädlich wirkt.

Zweiterem lässt sich schon schwerer begegnen. Das liegt auch mit daran, dass jeder unter Spiritualität etwas anderes versteht. Für die einen ist es zwingend mit Aberglauben verbunden, für andere geht es eher in die esoterische Richtung und sogar Humanisten haben eine für sich entdeckt: die atheistische Spiritualität.

Schon allein, weil dieses Wort doch hochgradig abergläubig belastet ist, sollten die es doch vermeiden. Dann aber auch noch zu behaupten, Spiritualität wäre angeboren, schlägt dem Fass den Boden aus.

Um das von der angeborenen Spiritualität zu widerlegen, reicht eigentlich ein Beispiel aus, ein Mensch, der die nicht hat. Es sei denn man unterstellt dem, krank oder unvollständig zu sein.

Ich selbst bin so einer und ich kenne eine Menge anderer, denen es ähnlich geht. In meinem großen Freundeskreis im Osten Deutschlands kann ich mich nicht erinnern, dass Spiritualität jemals ein Thema war.

Natürlich haben auch wir ganz besondere, herausgehobene Momente in denen wir uns ganz ohne Drogen high fühlen. Ich kann mich ganz genau an eins erinnern. Wir hatten im Rückspiegel gesehen, dass hinter den Bergen gerade die Sonne auf ging und das Auto angehalten, um zu fotografieren. Die Wiesen waren klatschnass vom Tau, die Sonne drückte langsam den leichten Nebel aus dem Tal hoch und mit ihm kam ein unbeschreiblich schöner Blütengeruch. Da war ich tief ergriffen. Aber ich wäre nie darauf gekommen, diesen wunderschönen Moment als spirituellen zu bezeichen. Warum auch? So wie hier ist es doch viel klarer.

Apropos Osten Deutschlands. 

Immer wieder staune ich, wieso der nie als Gegenbeleg für die angeblich angeborene Spiritualität oder sogar Religiosität genommen wird. Alle waren sich sicher, mit dem Fall der Mauer beginnt auch hier wieder der große Vormarsch der Religion und der Kirchen.
Nichts ist. Der Anteil der Konfessionslosen steigt prozentual immer mehr. Trotz drei massiver Evangelisierungskampagnen.

Sind wir Ossis alle krank? Wurden wir durch Chemtrails genverändert?
Oder sind wir einfach, wie dieser Artikel vermuten lässt, um Massen intelligenter als andere?

Die ARD-Themenwoche "Was glaubst du" hat nicht nur fünf Sendungen über uns mit insgesamt mehr als 26 min, sondern auch ein Datendossier "Land ohne Glauben" gebracht.

Das macht Hoffnung für Gesamtdeutschland, denn unter "Glauben und Werte" wird festgestellt:
"...ähnlich zum Anstieg der Konfessionslosigkeit und zum Schwinden 
der Religiosität nährt sich der Westen Deutschlands bei vielen die gesellschaftlichen Werte betreffenden Aspekten dem Osten an"

Selbst dort, wo es zunächst scheint, fehlende Kirchenbindung sei von Nachteil, z.B. bei der Ausprägung von Toleranz, kommt man letztlich zum Ergebnis:

"
Die vorangegangenen Daten weisen im Ost-West-Vergleich auf einen Zusammenhang zwischen Intoleranz und fehlender kirchlicher Bindung hin.


Vergleicht man sie mit den deutschlandweiten Ergebnissen der Mitte-Studien entsteht allerdings ein vielschichtiges Bild. So zeigen die Forscher, dass gerade kirchlich Gebundene stärker ausländerfeindliche, antisemitische und chauvinistische Einstellungen als Konfessionslose aufweisen. Diese fremdenfeindlichen Einstellungen wurden demnach am häufigsten bei Katholiken festgestellt. Auch Protestanten sind etwas häufiger Befürworter solcher rechtsextremen Positionen als Konfessionslose, allerdings seltener als Katholiken"


Vor allem aber wird auch endlich einmal der Osten als Beispiel für die Behauptungen angeborener Religiosität bzw. Spiritualität herangezogen.

Es scheint so, also wäre ich doch weder krank noch unvollständig:

"Die Bindung an eine Kirche muss nicht zwangsläufig mit Spiritualität und bestimmten Glaubensvorstellungen einhergehen. Stellt man jedoch im Osten und im Westen die Frage nach der grundsätzlichen Wichtigkeit des Glaubens, halten es beide Seiten sehr unterschiedlich mit der Religion und mit persönlichen Fragen des Glaubens. So sagen zwei Drittel aller Ostdeutschen, dass ihnen Religion und Kirche nicht wichtig sind, im Westen nur ein Drittel. Dieser Unterschied ist zwischen Ost- und Westdeutschen seit der
Wiedervereinigung etwa konstant geblieben. Die Wichtigkeit von Kirche und Religion ist auf beiden Seiten gleichmäßig zurückgegangen. Die Unterschiede zeigen sich auch, wenn Ostdeutsche und Westdeutsche ihre Religiosität
selbst einschätzen sollen. Im Osten halten sich zwei Drittel nicht für religiös, im Westen wieder nur ein Drittel. 
Bei der Einschätzung der eigenen Spiritualität ist dieser Unterschied
weniger stark ausgeprägt, wobei sich die Ostdeutschen auch hier seltener für spirituell halten. Sie haben aber auch weniger spirituelle Erfahrungen.

Das deutet darauf hin, dass ein 
bestimmtes religiöses/spirituelles Umfeld erst zu Religiosität/Spiritualität führt, sich die Dinge gewissermaßen gegenseitig bedingen."


Na bitte, geht doch.